Und wer ist mein Nächster?
Luk. 10,29
Das Jahr 2008 hat mit sehr unterschiedlichen Nachrichten aus allen
Ecken der Welt begonnen. In Kenia haben die plötzliche (?) politische
Unmoral und soziale Ungerechtigkeit, noch verstärkt von Kämpfen rivalisierender Volksstämme, Hunderte von Toten gefordert, die uns die
Schrecken von Darfur vergessen lassen. Der Irak zu Beginn des Jahres
2008 sieht genauso aus wie der Irak Anfang 2007; Pakistan beweint
Benazir Bhutto, ermordet mit Dutzenden von weiteren Pakistanis.
China und die USA lenken die Weltwirtschaft. Mehr als eine Million
amerikanische Familien sind 2007 obdachlos geworden; denn die
Milchmädchenrechnung vom schnellen Geld ist nicht aufgegangen.
Es ist wie bei einem Luftballon, den man aufbläst, als ob er ein unbegrenztes Fassungsvermögen hätte – wenn er plötzlich platzt, verschlägt es der Welt und ihren großen Führern die Sprache. Frankreich
hat nur 20.000 unserer „Nächsten“ in ihr Heimatland zurückgeschickt,
obwohl es sich vorgenommen hatte, 25.000 zurückzubringen. Und
außerdem: die Klimakatastrophe … Jeder ist auf einmal ein „Öko“,
sogar die Genfer Bibelgesellschaft, die mit der Bibelausgabe Segond
21 auf Recyclingpapier zu 1,50 EUR/2,50 SFR einen ganz unerwarteten
Durchbruch in den Medien erlebt. Und was für ein wunderbarer Text!
Die Ereignisse überschlagen sich weiter, der gesunde Menschenverstand ist gepaart mit Arroganz und die Initiativen für heilsame Maßnahmen mit Inkonsequenz. Die Wissenschaft und Informationen über
alles und jedes verbreiten sich über das Internet, und jedermann
kann inzwischen finden und beweisen, was immer ihm gefällt. Wer
hat Recht? Wohin gehen wir?
Wo keine Offenbarung ist, wird das Volk zügellos.
Spr. 29,18
„Zügellos“ … Oft genug äußert sich Zügellosigkeit nicht darin, nicht
darin, einfach im Chaos zu versinken, sondern eher darin, dasselbe
wie alle anderen zu tun, sich von primitiven und hirnlosen Pressestimmen der kostenlosen Morgenzeitungen oder der Tagesschau leiten
zu lassen. Unsere Mitmenschen leben in einem schizophrenen Paradoxon. Einerseits handeln sie wie der verlorene Sohn aus Lukas 15, der
den Vater „tötet“, um sein Erbe an sich zu nehmen und zu vergeuden.
Sie haben geschrieen „Gott ist tot“, sie haben sich die Erde angeeignet und sind dabei sie zu zerstören (Ap. 11,18). Andererseits treibt sie
ein neuer Hunger dazu, eine Bibel zu kaufen, wenn sie sich gerade in
ihrer Reichweite befindet. Auf der einen Seite ist diese Suche nach
einem absoluten Sinn ernst gemeint, aber auf der anderen Seite
endet die Gier der einen nur da, wo die Gier der anderen beginnt.
Für die Christen ist es umso schwieriger Stellung zu beziehen in diesen
schrägen Diskussionen, in denen die emotionsgeladenen oberflächlichen Nachrichten als Beweisführung herhalten müssen.
Glücklicherweise hat der Herr uns seine Offenbarung hinterlassen, dieses größte Gebot, einfach und kraftvoll. Und wir sind dazu aufgefordert,
alle unsere Handlungen nach diesem Maßstab
auszurichten, sowohl in der Gemeinde als auch
in der Welt: zu lieben, weil er uns zuerst geliebt
hat, uns als Christen untereinander zu lieben und
unseren Nächsten zu lieben. In diesen drei Fällen handelt es sich um eine Liebe, die wirklich als
solche wahrgenommen wird, und nicht um eine
Liebe als philosophisches Prinzip.
Das Maß der Liebe, das ist Liebe
ohne Maß. Augustin
Dieses „größte Gebot“, manches Mal wiederholt
in der Bibel, ist unser einziger Maßstab um das
Wort Gottes recht zu verstehen. Mit dieser Sicht
können wir überall in die Welt gehen und jedem
begegnen, wie Jesus es tat (Mt. 9,11).
Da wo wir mit anderen die Liebe teilen, die er
uns zuteil werden lässt, diese Liebe, die jenem
gewährt wird, der sie nicht verdient – da sind wir
immer am rechten Platz.
Mit dieser Sicht gibt es keine festgeschriebenen
Positionen mehr, keine vorgefassten Meinungen
mehr, kein Partei-Ergreifen mehr. Jeder Nächste
ist einzigartig und hat das Recht auf unsere völlige
Aufmerksamkeit, selbst wenn er sich uns oder der
Gesellschaft gegenüber schlecht verhält, selbst
wenn er aus einem Land im Süden oder im Osten
kommt, selbst wenn er unsere Ruhe stört und un-
sere Gesetze übertritt. Oft sind die Dinge nicht so
einfach; oft weiß ich nicht recht, was ich tun soll
oder was ich sagen soll; oft halte ich den Mund.
Aber ich weiß, dass es niemals ein Zeichen der
Liebe sein kann, wenn ich mit den Wölfen heule
und meinen Nächsten in sein Land zurückschicke. Unsere Schwierigkeit ist die gleiche im Hin-
blick auf alle diejenigen, die an der gegenwärtigen Entwicklung der moralischen Werte beteiligt
sind, und vor allem bei denen, die sich zu dieser
Entwicklung auch noch bekennen (z.B. Homosexualität, Abtreibung, Ehebruch …). Die richtige
Einstellung vor Gott ist nicht leicht zu erkennen,
und das Beispiel unseres Herrn (Joh. 4, Joh. 8) ist
nicht immer einfach umzusetzen. Aber wir wissen,
dass verstoßen, verdammen oder Gesetze machen kein Teil unseres Waffenarsenals sein kann.
In der Gemeinde Jesu Christi hält uns die gleiche Vision zusammen. Wenn die evangelikale
Welt allmählich eine größere Präsenz in den
Medien erreicht, könnten wir uns daraufhin dazu
anhalten, uns dementsprechend zusammenzuschließen und zu organisieren. Wenn wir dies tun
mit der Motivation, unsere Präsenz gegenüber
den Behörden und den Medien zu bekräftigen,
um unsere Rechte und unsere Überzeugungen
zu verteidigen, dann finden wir uns wohl sehr
bald in den Reihen der weltlichen Lobbys wieder, so wie es unseren Brüdern jenseits des Atlantiks ergangen ist. Aber wenn wir bekannt werden
durch unsere Zuneigung füreinander und die
Liebe zu unseren Mitmenschen, vor allem gegen-
über den Schwächsten und denen, die überall
zurückgewiesen werden, dann werden alle er-
kennen, dass wir Nachfolger von Jesus Christus
sind, und sie werden Ihn «am Tag der Untersuchung preisen» (Joh. 13,35; 1. Petr. 2,12).
Jean-Pierre Bezin
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