Von den Anfängen an hat die Kirche immer wieder das Bedürfnis gehabt, eine Hierarchie nach dem Muster dieser Welt aufzubauen. Dies war eine rein menschliche
Verhaltensweise. Der Klerus gab nun die Regeln vor, die beachtet werden mussten, um
das Heil zu erlangen. Diese Vorgaben bestanden sowohl aus Riten und Ritualen, die
man beachten musste, als auch aus finanziellen Beiträgen! Dadurch verstärkte sich
die Macht der Kirchenführer über das Volk
und auch über die politischen Machthaber,
denn das Christentum war zur Staatsreligion geworden. Man hatte bereits vergessen, was Paulus und Silas ihrem Gefängniswärter in Apostelgeschichte 16,31 ausdrück-
lich bestätigt hatten: „Glaube an den Herrn
Jesus Christus, so wirst du gerettet werden, du
und dein Haus!“ Und auch die letzten Worte
des Herrn Jesus waren in Vergessenheit geraten: „Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30).
Die katholische Kirche
beherrscht das Bild
Bereits vor der Regierungszeit von Kaiser
Konstantin gab man der „offiziellen“ Kirche
die Bezeichnung „katholisch“; das bedeutet „universell, allumfassend“. Sehr bald
erklärte der Klerus, dass es außerhalb der
katholischen Kirche kein Heil geben könne.
Man meint häufig, dass es während der
ersten Jahrhunderte nur eine einzige geeinte Kirche gegeben habe, nämlich die
katholische Kirche, die eine große Menge
an Schriften hervorbrachte und die Schriften anderer Kirchen und Gemeinschaften
vernichtete. Aber es gab in der Tat mehrere
lebendige Gemeinschaften, von deren Existenz man nur auf Grund der katholischen
Hetzschriften weiß.
Dennoch gab es auch im Herzen der offiziellen Kirche Menschen, die sich gegen die
Irrlehren, die überall verbreitet wurden, zur
Wehr setzten; allerdings wollten sie sich nicht
von ihrer Gemeinschaft ablösen und ihre Zugehörigkeit verleugnen.
Montanus in Phrygien
Viele Christen begannen dagegen aufzubegehren, dass die Beziehungen zwischen
der Kirche und der Welt offenbar sehr locker
waren. Sie hatten nämlich festgestellt, dass
die weltliche Orientierung der Kirche immer
mehr zunahm, und dass die geistliche Kraft
der Kirchenführer durch große Gelehrsamkeit
ersetzt wurde. In Phrygien strebten Montanus
und einige andere mit ihm an, Gemeinschaften zu gründen, die ihren Glauben so wie die
Urgemeinde umsetzten und in der Erwartung
der baldigen Rückkehr des Herrn lebten. Sie
verlangten deutliche Zeichen der Zugehörigkeit zu Christus von denen, die sich ihren
Gemeinschaften anschließen wollten; ganz
im Gegenteil zur katholischen Kirche, die stets
Wert darauf legte, eine so große Anzahl von
Anhängern wie nur möglich unter ihren Fittichen versammeln zu können und die außerdem erwartete, dass die Bischöfe über die
Kirchenmitglieder eine immer strengere Herrschaft ausübten. Die „Montanisten“, wie man
sie nannte, wünschten sich hingegen, dass
die Kirchenführung dem Heiligen Geist unterstellt sein sollte. Im Westen blieben sie noch
lange Zeit als Gemeinschaften innerhalb der
katholischen Kirche bestehen, bevor sie sie
verließen bzw. ausgeschlossen wurden.
Zu Anfang des 3. Jahrhunderts schloss sich
Tertullian, Kirchenvater der frühen nordafrikanischen Kirchen und Verfasser zahlreicher
bekannter Schriften, den Montanisten an und
trennte sich von der katholischen Kirche. Er
schrieb: „Die Gegenwart von drei Gläubigen,
selbst wenn sie Laien sind, genügt bereits um
eine Kirche zu bilden.“
Origines in Alexandria
Origines, einer der bekanntesten
Kirchenväter, machte klare Aussagen zum geistlichen Wesen
der Kirche, sowohl durch seine
Lehre als auch durch sein geistliches Leben. Origines wurde 185
n. Chr. geboren, und er wurde
zunächst von seinem Vater, dem
weisen Leonidas, in den Heiligen
Schriften unterwiesen. Leonidas
wurde allerdings auf Grund seines Glaubens ins Gefängnis geworfen und getötet; sein gesamter Besitz wurde beschlagnahmt.
Origines war etwas über 17 Jahre
alt, als er der hauptsächliche Ernährer seiner Mutter und seiner sechs jüngeren Geschwister wurde. Durch seine außergewöhnlichen Fähigkeiten das Wort Gottes
zu lehren wurde er schnell bekannt. Er hatte
selbst darunter zu leiden, dass er verfolgte
Christen unterstützt hatte, und er musste für
eine Weile nach Palästina flüchten, wo er
durch seine Gelehrsamkeit und seine Schriften die Aufmerksamkeit der Bischöfe auf sich
zog: sie kamen wie einfache Studenten und
wollten seine Auslegungen der Heiligen Schriften hören. Demetrius, Bischof von Alexandria,
war empört, dass ein Laie Männer der Kirche
belehrte; er beorderte ihn nach Alexandria
zurück und exkommunizierte ihn schließlich
im Jahr 231. Durch die Tiefe und Klarheit sei-
ner Lehre wusste Origines die Herzen von
Menschen zu gewinnen, die ihm weiterhin
treu ergeben blieben und seine Lehre auch
nach seinem Tod (254 n. Chr.) weiterführten.
Origines starb an den Folgen der Folter, der
er fünf Jahre zuvor in Tyrus im Zuge der Verfolgungen unter Decius ausgesetzt gewesen
war. Origines sah die Kirche als Vereinigung all
derer, die in ihrem Leben die Kraft des ewigen
Evangeliums erlebt hatten, selbst wenn er auf
Grund dieser Lehre oft als Häretiker (Irrlehrer)
angesehen wurde. Dennoch unterschied er
zwischen den Dingen, die klar und lehrmäßig
dargelegt werden müssen, und jenen, die
man besser mit Vorsicht angeht, um sie näher zu untersuchen. Eines von Origines’ großen Werken ist die
„Hexapla“, mit deren Hilfe man die Heilige Schrift
besser verstehen kann.
Bewegungen um Novatian
Eines bewegte viele Gemeinden während der Zeit
der Verfolgungen: sollte man diejenigen, die nach
ihrer Taufe zum Götzendienst zurückgekehrt waren, weiterhin als Gemeindemitglieder betrachten? Ein Bischof namens
Fabianus hatte Novatian geweiht und
war als Märtyrer in Rom gestorben. Sein
Nachfolger wurde ein gewisser Cornelius, der die Zulassung der Abtrünnigen
befürwortete. Eine Minderheit, die mit
dieser Sicht nicht einverstanden war,
wählte Novatian zum Bischof. Dieser
nahm die Wahl an.
Er und seine Getreuen wurden von einer
Synode, die 251 in Rom zusammenkam,
exkommuniziert, aber seine Anhängerschaft breitete sich immer weiter aus,
selbst nachdem er als Märtyrer gestorben war. Sie weigerten sich schließlich
die katholische Kirche anzuerkennen und betrachteten deren Sakramente als völlig wertlos.
Auch die Donatisten in Nordafrika, benannt nach
zwei Männern, die damals dort sehr bekannt waren
und beide Donatus hießen, wurden von der Lehre
des Novatian beeinflusst. Sie wichen in einigen Punkten von der katholischen Kirche ab, zum Beispiel in
Hinblick auf die Disziplin: sie forderten ein geistlich
orientiertes Leben derjenigen, die die Sakramente
austeilten, während die Katholiken die Sakramente
als solche für wichtiger hielten. In einigen Teilen Nordafrikas waren diese Christen zahlenmäßig an der
Spitze der verschiedenen Zweige der Kirche.
Alle Abweichungen vom ursprünglichen Modell, das
das Neue Testament für die Gemeinden vorzeichnet,
waren von Anfang an heftigem Widerstand ausgesetzt und führten häufig dazu, dass sich Gruppen
von Gläubigen bildeten, die diese Abweichungen
bekämpften, immer in der Hoffnung, die Einheit der
Gläubigen wiederherstellen zu können. Einige wurden ausgeschlossen; andere verließen ihre Kirchen,
um neue Gemeinschaften zu gründen, die der apostolischen Lehre zustimmten und sich zu einer ununterbrochenen Folge von Zeugen seit den ersten Tagen der Kirche bekannten. Vor und nach Konstantin
nannte man diese Bewegungen oft „Katharer“, das
bedeutet „rein“.
René Neuenschwander
|